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14. April 2026

Dialogforum - Kieswirtschaft als Schlüsselbranche für Rohstoffsicherung, Energiewende und Biodiversität am Oberrhein

Mehr als 150 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Naturschutz kamen am 14. April 2026 zum neunten Dialogforum der Initiative Kieswirtschaft am Oberrhein (KiWi) im Rantastic in Baden-Baden zusammen. Unter dem Motto „Kies, Kröten und kleine Wunder – Biodiversität und Baggerseen am Oberrhein“ wurde deutlich: Die Kieswirtschaft ist weit mehr als ein reiner Rohstofflieferant – sie ist ein unverzichtbarer Partner für eine nachhaltige Zukunft.
„Denn die Herausforderungen, vor die uns das aktuelle Zeitgeschehen stellt, sind tiefgreifend“, wie Thomas Peter, Vorsitzender von KiWi in seiner Eröffnungsrede betonte. „Es gilt die wichtigsten Rohstoffe zu sichern, gleichzeitig müssen erneuerbare Energien ausgebaut und nicht zuletzt unsere natürlichen Lebensgrundlagen geschützt und erhalten werden.“

Rund 150 Menschen kamen zum Dialogforum der Kieswirtschaft in Baden-Baden.

Rohstoffsicherung unter wachsendem Flächendruck

Die Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen bleibt hoch – nicht zuletzt durch Infrastrukturprojekte, Wohnungsbau und die Energiewende. Gleichzeitig wächst der Druck auf verfügbare Flächen entlang des Oberrheins stetig. „Alles wächst nur die Fläche nicht“, wie Professor Dr. Matthias Proske, Direktor des Verbands Region Karlsruhe, in seinem Vortrag konstatierte.
Zahlreiche Nutzungsansprüche konkurrieren miteinander: Wohnen, Gewerbe, Landwirtschaft, Energiegewinnung, Rohstoffgewinnung und Naturschutz. Die Oberrheinregion bei Karlsruhe ist nicht nur eine stark wachsende Region mit hoher Einwohnerdichte, sondern verfügt auch über eine landschaftlich sehr reizvolle Umgebung mit hoher Nutzungsintensität. Als ‚Anwalt der Fläche‘ sorgt der Regionalverband dafür, dass Nutzungskonflikte gelöst werden.




Verbandsdirektor Dr. Matthias Proske berichtete, wie konkurrierende Flächennutzungen in der Region abgewogen und zusammengebracht werden.


Dabei wird häufig übersehen: Nur rund 0,2 % der Landesfläche in Baden-Württemberg werden tatsächlich für die Rohstoffgewinnung genutzt. Demgegenüber steht ein Landwirtschaftsanteil von fast 45 % und auch der Biotopanteil beträgt zukünftig 15%. Diese Relationen verdeutlichen, dass die Kieswirtschaft zwar sichtbar, aber flächenmäßig marginal ist – gleichzeitig jedoch eine zentrale Rolle für die regionale Versorgung in einer schnell wachsenden Region spielt.
Doch die Anzahl der Gewinnungsstätten sinkt drastisch und hat sich zwischen 1992 und 2011 von 62 auf 36 Standorte verringert. „Im Jahr 2045 werden es nur noch 21 Standorte sein“, so Thomas Peter. Da der Rohstoffbedarf in etwa gleichbleibt, müssen verbleibende Standorte ihre jährliche Förderung von 250.000 Tonnen pro Jahr fast verdoppeln. Doch weniger Standorte für Gewinnungsstätten führen bereits heute zu längeren Transportwegen – mit negativen Folgen für Klima und Kosten. Die Sicherung regionaler Rohstoffquellen ist daher ein entscheidender Beitrag zur Nachhaltigkeit und erfordert eine kluge Regionalplanung. Bestehende Standorte müssten erweitert und vier bis fünf neue Gewinnungsstätten, sogenannte Neuaufschlüsse, ermöglicht werden.

Kieswirtschaft als Partner der Energiewende

Ein zentrales Thema des Forums war die Rolle der Kieswirtschaft bei der Energiewende. Baggerseen, die durch die Rohstoffgewinnung entstehen, können in Zeiten knapper Flächen Teil der Lösung sein: Schwimmende Photovoltaik-Anlagen auf Baggerseen ermöglichen die Erzeugung erneuerbarer Energie, ohne zusätzliche Flächen zu versiegeln oder in Konkurrenz zu Landwirtschaft und Naturschutz zu treten. Dennoch steht dieser innovative Ansatz noch immer vor erheblichen regulatorischen Hürden. Starre gesetzliche Vorgaben – etwa zur maximalen Flächennutzung von nur 15 % oder 40 Meter Mindestabstand vom Ufer – sowie komplexe Genehmigungsverfahren bremsen die Umsetzung aus. Besonders frustrierend: Pilotprojekte in der Region zur wissenschaftlichen Untersuchung der Auswirkungen unterschiedlich großer PV-Anlagen auf Tiere und Pflanzen, wurden auf Bundesebene ausgebremst. „Völlig unverständlich, zumal auf der französischen Rheinseite, in nur 5 km Entfernung, der Baggersee bei Roppenheim/Roeschwoog mit einer schwimmenden PV-Anlage ausgestattet ist, die weit mehr als 15 % der Fläche bedeckt, und problemlos zu funktionieren scheint“, so Flächenplaner Proske.
Die Branche forderte die Politik auf, mehr Vertrauen in die unternehmerische Verantwortung zu haben, „denn auch Unternehmer wollen in einer gesunden Umwelt leben“, wie einer der Teilnehmer bemerkte. Es gilt die Überbürokratie abzubauen und praxisnahe gesetzliche Regelungen zu schaffen, die Innovationen zur Bewältigung der Energiewende ermöglichen, anstatt sie zu blockieren.


Johannes Enssle, NABU BW, sieht in der einzigartigen Beschaffenheit von Gewinnungsstätten ein großes Potenzial für den Artenschutz.

Gewinnungsstätten als Ersatzhabitate

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Bedeutung von Gewinnungsstätten für den Natur- und Artenschutz. Johannes Enssle, Vorsitzender des NABU in Baden-Württemberg, betonte, dass Rohstoffgewinnung und Biodiversität kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil: „Gut gemacht entstehen in Gewinnungsstätten neue, dynamische Lebensräume, die seltenen und bedrohten Arten wertvolle Rückzugsorte bieten“, erklärte der Experte. Das Konzept „Natur auf Zeit“, seit 2022 im Bundesnaturschutzgesetz verankert, ermöglicht solche temporären Lebensräume in Gewinnungsgebieten, ohne dass beim späteren Rückbau dauerhafte naturschutzrechtliche Verpflichtungen entstehen.
Gerade in stark veränderten Landschaften – etwa durch begradigte Flüsse oder intensive Landwirtschaft – gewinnen solche Ersatzhabitate an Bedeutung. Mit Wechselwasserzonen, Magerrasen und strukturreichen Flächen bieten Gewinnungsstätten Bedingungen, die vielerorts fehlen. Seltene Arten wie die Gelbbauchunke oder die Flussseeschwalbe finden hier geeignete Lebensräume. „Diese kleinräumige Vielfalt und Dynamik macht Gewinnungsflächen besonders wertvoll für den Artenschutz“, betonte Experte Enssle.

Auenwälder schützen – Gewinnungsstätten verlagern
Auch über den Schutz sensibler Ökosysteme, wie der Auenwälder, wurde gesprochen. Auenwälder sind nicht nur natürliche Klimaanlagen, sondern bilden auch einen natürlichen Hochwasserschutz und gelten als Hotspots der Artenvielfalt. „Was ihren Artenreichtum angeht, sind sie quasi die Amazonasregenwälder des Oberrheins“, erklärte Enssle. „Um die Dynamik der Auenwälder zu erhalten oder wieder herzustellen, wäre die Verlagerung des Kiesabbaus auf die Niederterrassen, der leicht erhöhten Ebene über der Aue, sehr wichtig.“
Ein erfolgreiches Beispiel für eine solche Maßnahme in der Region ist die Verlagerung der Kiesgrube Krieger Rheinau aus der Aue auf die Niederterrasse. Bei der Staustufe Iffezheim, wo Wald in der Aue abgebaggert wird, wird der Boden an anderer Stelle schichtgenau wieder aufgetragen, damit dort neuer Auenwald entstehen kann. Seltene Schmetterlinge, wie die Bläulinge, haben inzwischen in der stillgelegten Kiesgrube Peter in der Raststatter Rheinaue ihr Ersatzhabitat gefunden.

Heimische Helden retten: Artenschutz im Karlsruher Zoo

Ob Moorfrosch, Kiebitz oder Luchs – Professor Dr. Matthias Reinschmidt, Direktor des Zoo Karlsruhe, engagiert sich mit großem Einsatz für den Artenschutz. Im Rahmen zahlreicher Projekte gelingt es dem auch aus dem Fernsehen bekannten Zoologen immer wieder, bedrohte oder regional ausgestorbene Arten erfolgreich nachzuzüchten und auszuwildern. „200 Jahre war der Luchs aus unseren Breiten verschwunden, inzwischen ist er wieder da – das gibt Hoffnung“, betonte Reinschmidt in seinem Vortrag. Biodiversität sei kein „nice to have“, sondern eine zentrale Voraussetzung für unsere Zukunft. Sein Engagement reicht dabei weit über die Region hinaus: Mit der Artenschutzstiftung Zoo Karlsruhe unterstützt er auch internationale Projekte, etwa zum Erhalt der Artenvielfalt in Ecuador. Für den weiteren Einsatz zum Schutz heimischer Arten am Oberrhein – darunter Kiebitz und Großer Brachvogel – erhielt Reinschmidt einen Spendenscheck über 5.000 Euro für die Artenschutzstiftung des Zoos, überreicht von Thomas Peter im Namen des KiWi-Vorstands.


Zoodirektor Dr. Matthias Reinschmidt engagiert sich auch für heimischen Artenschutz – ein Anliegen, das die Kieswirtschaft mit einer Spende unterstützt.

Ein neues Gleichgewicht schaffen

Die Diskussionen des KiWi-Forums 2026 zeigen klar: Klimawandel, Rohstoffsicherung und Biodiversitätsverlust erfordern ein neues Gleichgewicht zwischen Nutzung und Bewahrung. Die 25 mittelständischen Unternehmen der Initiative Kieswirtschaft am Oberrhein übernehmen dabei Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Gewinnung über die Rekultivierung bis zur Nachnutzung. „Unser Ziel ist es, Räume zu schaffen: für wirtschaftliche Entwicklung, für erneuerbare Energien und für die Natur“, betonte Thomas Peter. Voraussetzung dafür sind jedoch klare politische Rahmenbedingungen: die Sicherung neuer Gewinnungsflächen, schnellere Genehmigungsverfahren, angepasste rechtliche Vorgaben – etwa im Wasserrecht – sowie eine stärkere Berücksichtigung regionaler Besonderheiten.
Die Veranstaltung machte erneut deutlich, wie sich wirtschaftliche Nutzung, ökologische Verantwortung und innovative Energiekonzepte verbinden lassen. Die Kieswirtschaft sieht sich dabei nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung.


Die Kieswirtschaft im Dialog möchte zeigen, dass sich wirtschaftliche Nutzung, ökologische Verantwortung und innovative Energiekonzepte verbinden lassen.