Baustofftechniktag 2026: Nachhaltig, smart und praxisorientiert
Erstmals in der historischen Alten Weberei in Reutlingen veranstaltete der Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg e.V. (ISTE) am 10. Februar seinen Baustofftechniktag und zog rund 70 Teilnehmende aus Bauwirtschaft, Gesteinsindustrie, Forschung und Verwaltung an. Auf der Agenda standen aktuelle technische Entwicklungen im Straßenbau, Praxiserfahrungen mit digitalen Anwendungen, Baustoffrecycling sowie Nachhaltigkeitsmanagement. In drei Themenblöcken boten kompetente Referenten Einblicke in den Stand der Technik und in die dringendsten Herausforderungen einer Branche im Wandel.
Marode Brücken und ein wachsender Sanierungsstau
Dr. Tim Weirich aus dem Referat für Erhaltungsmanagement und Ingenieurbau im Landesverkehrsministerium eröffnete den ersten Block mit einem ernüchternden Lagebericht zum Zustand der Brücken im Land. Baden-Württemberg verfügt über rund 7.300 Brücken, davon 3.300 Landesstraßenbrücken. Die Brücken seien vor Jahrzehnten unter Annahmen gebaut worden, die den heutigen Belastungen durch den gestiegenen Schwerlastverkehr nicht mehr entsprechen. Diese Überlastung und zum Teil strukturelle Baumängel haben die Substanz erheblich beschädigt. Aktuelle Gutachten rechnen damit, dass in zehn Jahren rund 30 Prozent aller Brücken im Land als eingeschränkt nutzbar eingestuft werden müssen. Um Sperrungen zu vermeiden, seien rund 100 Sanierungen oder Ersatzneubauten pro Jahr notwendig - bis 2036 insgesamt 630 Brücken. Beschleunigen sollen funktionale Ausschreibungen, modulare Bauweisen oder der Einsatz von ultrahochfestem Beton. Der Anteil am Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz, der für Investitionen in das Landesstraßennetz vorgesehen ist, wird nur begrenzt helfen: „Da bleibt nicht viel übrig, aber es ist besser als nichts“, kommentierte Weirich die 700 Millionen Euro, die dem Land dafür zustehen.
Björn Beutinger stellte aktuelle Investitionen der Autobahn GmbH Niederlassung Südwest vor. Neben Projektfortschritten präsentierte er einen Mix aus Nachhaltigkeitsstrategien, wie temperaturabgesenkte Asphalte, kürzere Transportwege und maximales Recycling vor Ort. Eine besondere Herausforderung sei die valide und zeitgerechte Ermittlung der CO2-Emissionen, damit sie als Zuschlagskriterium in der Vergabe geltend werden. Ziel sei ein Bonus-Malus-System zur gerechten Bewertung, kombiniert mit moderner Qualitätsüberwachung für eine längere Haltbarkeit der Fahrbahnen.
Eine konkrete Antwort auf den Sanierungsstau präsentierte Stefan Vogt von KIBAG: Ultra Hochleistungs-Faserverbundbaustoff (UHFB). Der Baustoff verwendet Mikrostahlfasern, was den Beton verfestigt und der aktiven Risskontrolle dient. UHFB eigne sich besonders für abdichtende Schichten und Sanierungsmaßnahmen. Kurze Einbauzeiten, Pumpbarkeit und individuelle Anpassbarkeit machen ihn für den Einsatz unter Zeitdruck attraktiv.
Beton der Zukunft: Kreislaufwirtschaft, Forschung und Recycling
Prof. Dr.-Ing. Michael Haist von der Materialprüfungsanstalt Universität Stuttgart brachte den Blick der Forschung zur Zukunft des Betons ein. Es gebe viele spannende und auch schon erprobte Ansätze: Klinkereffiziente Zemente können den Klinkergehalt um bis zu 50 Prozent senken; auch abgesenkte Mindestzementgehalte sind technisch machbar. Auch bei der Gesteinskörnung könne man ansetzen: deren Größenzusammensetzung beeinflusst maßgeblich Fließverhalten und Dauerhaftigkeit des Betons - kameragestützte Sieblinienermittlung und digitale Konsistenzprüfung eröffnen hier neue Möglichkeiten. Und was ist „das nächste große Ding“ in der Materialforschung? „Wenn man Kohlenstoff in den Beton mixt, kann man ihn leitfähig machen“ - die Bodenplatte eines Einfamilienhauses könnte so perspektivisch den Energiebedarf für zwei Tage speichern oder als Heizfläche dienen.
Thorsten Volkmer, Kieswerk und Baustoff-Industrie Kern GmbH & CO. KG, berichtete über ein ungewöhnliches Praxisprojekt: die Verwertung von rund einer Million Tonnen Ausbruchmaterial aus dem unterirdischen Pumpspeicherkraftwerk Forbach der EnBW. Das Ausbruchgestein wurde in dem nur fünf Kilometer entfernten Steinbruch seines Unternehmens eingelagert - 5.500 Tonnen täglich über 18 Monate hinweg – wo es als wertvoller Baustoff wiederverwendet wird. Das Projekt erforderte umfangreiche Genehmigungen und Maßnahmen rund um Statik, Qualität und Flächenausgleich. Zur reibungslosen Anlieferung und Nachverfolgung entwickelte die Firma eigens ein digitales Begleitscheinverfahren mit QR-Code. Die entscheidende Klausel, die das Projekt möglich machte: „Mit der Freigabe verliert das einzulagernde Gestein die Abfalleigenschaft im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes“. „Wir lagern Granit zu Granit – das Gestein ist das gleiche, egal ob es aus dem Tunnel oder dem Steinbruch kommt“, erklärt Volkmer. Das Projekt wurde mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.
Johannes Preiß aus dem Referat für Kreislaufwirtschaft im Landesumweltministerium stellte das Förderprogramm R-Beton vor. Ziel sei neben Klimaschutz und Ressourcenschonung auch die flächendeckende Verfügbarkeit des Materials. In der zweiten Förderphase sind nun auch Transportbetonwerke und Karbonatisierungsanlagen zugelassen, die Recyclingmaterial mit CO2 beaufschlagen. Voraussetzung ist ein Recyclinganteil von mindestens 25 Prozent. Die erste Phase verlief erfolgreich: 19 Transportbetonwerke wurden bei rund 120.000 Kubikmeter R-Beton gefördert. Was die CO2-Speicherung angehe, sei das Potenzial allerdings begrenzt: Die technische Karbonatisierung bindet rund 10 bis 14 kg CO2 pro Tonne Material - in Baden-Württemberg ergibt sich damit ein Gesamtspeicherpotenzial von bis zu 100.000 Tonnen CO2 jährlich. Größere Hoffnungen macht sich Preiß bei Bodenwaschanlagen, deren Nebenprodukt, die Filterkuchen, für die Zementproduktion nutzbar gemacht werden kann.
Nachhaltigkeit, Schwammstadt und Digitalisierung im Betrieb
Kann man klimaneutral bauen? Diese grundlegende Frage stellte Thomas Türk von der Swietelsky Baugesellschaft m.b.H. Die Antwort lieferte er gleich mit: Technisch ja - aber es passiert noch nicht. Der Bausektor verantworte rund 37 Prozent der globalen energiebezogenen CO2-Emissionen. Mindset, neue Kompetenzen, einheitliche Standards, alternative Antriebe, Produktdeklarationen (EPDs) und digitales CO2-Management seien alles Bausteine dafür. Das eigentliche Hemmnis liege jedoch in der Vergabepraxis: Trotz Nachhaltigkeitskriterien in Ausschreibungen entscheide am Ende oft nur der Preis - ein klassisches Henne-Ei-Problem der öffentlichen Hand. Das Fazit: „Technisch ist alles vorhanden - der Wandel fordert aber Investitionen, die Unternehmen leisten und refinanzieren müssen. Hier braucht es passende Rahmenbedingungen, wie etwa einen konsequenten CO2-Schattenpreis.“
Thorin Oesterle von HAURATON GmbH & Co. KG widmete sich dem intelligenten Regenwassermanagement für die Schwammstadt. Grüne Städte seien eine Frage des Designs: Bei der Oberflächenfiltration bauen Mikroorganismen Schadstoffe wie Reifenabrieb - bis zu 110 Tonnen jährlich in Deutschland - biologisch ab. Filtersubstratrinnen leiten das gereinigte Wasser gezielt zu Baumgruben. Durch eine Schottertragschicht wird Staunässe verhindert und Bäumen ausreichend Wurzelraum gegeben. Die nächste Stufe: sensorgesteuerte, digital geregelte Bewässerung und optimierte Personalplanung. „Die Schwammstadt ist die Disziplin der Zukunft“ - sichtbar, funktional und dringend gebraucht.
Wie kann Technik bei der optimierten, flächensparenden Auskiesung von Baggerseen helfen? Dr.- Ing. Stephan Hilgert, Limknow GmbH & Co. KG, beleuchtete die Feinsedimentanreicherung in Baggerseen im Oberrheingraben, die rund 60 Millionen Tonnen gewinnungswürdige Ressourcen überlagern. Moderne Erkundungsmethoden – Echolot, Drohnen, Seismik und Sedimentbohrungen in Kombination – ermöglichten präzise 3D-Modelle der Überlagerung und eine optimierte Restkiesnutzung. Die gewonnenen Daten helfen auch bei der Verankerung von Floating-Photovoltaikanlagen und der optimalen Planung des Baggerbetriebs.
Zum Abschluss des Tages berichteten Stefan Braun und Martin Kronenwetter im direkten Austausch, wie die Projektsoftware Fieldwire der Firma Hilti Deutschland AG bei der BAU-UNION GmbH + Co. Schotterwerk Bochingen KG eingeführt wurde. Das Tool vernetzt Baustellen digital und zugänglich, ermöglicht Echtzeit-Projektübersichten und reduziert Abstimmungsaufwände erheblich. Die Erfahrung aus der Einführung laut Braun: „Die ersten drei Monate waren sehr holprig. Aber als alle gesehen haben, dass das Sinn macht, kam Dynamik rein. Jetzt nach zwei Jahren läuft es quasi von selbst.“ Nach dem ersten Jahr hätte sich die Investition durch die Zeitersparnis bereits amortisiert.
Der Baustofftechniktag hat einmal mehr gezeigt: Die Lösungsansätze für die drängenden Herausforderungen der Infrastruktur sind vorhanden - technisch, digital und nachhaltig. Was es braucht, sind mutige Anwender, verlässliche Rahmenbedingungen und eine Vergabepraxis, die Innovation tatsächlich honoriert.
