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06. Februar 2018

Geballtes Baustoffwissen beim 7. Baustoff-Technik-Tag in Ostfildern

Alles neu – macht in dem Fall nicht der Mai, sondern der Februar. Beim 7. Baustoff-Technik-Tag, den der Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg e.V. (ISTE) Anfang Februar veranstaltete. Erstklassige Referenten aus Verbänden, Betrieben, Hochschulen oder Behörden berichteten auf Einladung des ISTE zu aktuellen Themen des regionalen Straßenbaus, Straßenbaukonzepten aus Beton, Bauproduktnormen und Bauordnungsrecht sowie über zukunftsweisende Aspekte wie nachhaltige Baustoffe und Industrie 4.0.

Das Haus der Baustoffindustrie war wieder einmal sehr gut besucht. Über die derzeit aktuellen Themen aus Technik und Normung informierten sich an dem Tag einhundert Verantwortliche aus den Branchen Sand und Kies, Naturstein und Beton sowie Anwender dieser Baustoffe. „Nutzen Sie den Tag auch zum intensiven technischen Austausch untereinander“, unterstrich der Präsident des Industrieverbandes Steine und Erden Baden-Württemberg e.V. (ISTE) Peter Röhm.
Dr.-Ing. Leyla Chakar (ISTE), Referentin der Fachgruppe Sand und Kies, übernahm die Moderation des Vormittags, durch den Nachmittag führte Dr. Michael Aufrecht (ISTE) von der Fachgruppe Transportbeton.

Aktuelles aus dem Straßenbau & Ausschreibungsmodalitäten
Die aktuellen Entwicklungen im Bereich des Straßenbaus in Baden-Württemberg – und zwar direkt aus dem Ministerium für Verkehr des Landes Baden-Württemberg, wurden kurz vorgestellt. Für 2018 sollen etwa 20 Kilometer kompakte Asphaltbefestigungen nach der neuen Handlungsempfehlung in Baden-Württemberg eingebaut werden. Weitere Themen waren die Fortschreibung der Ergänzungen zu den Technischen Vertragsbedingungen im Straßenbau Baden-Württemberg (ETV-StB-BW), Teil 3 und die durchweg positiven Erfahrungen sowie den Grenzen von Maximalrecycling. Bisher wurden in Baden-Württemberg seit 2011 über 50 Baumaßnahmen in Maximalrecyclingbauweise gebaut. Die Erfahrungen hierzu wurden in der Fachzeitschrift „Asphalt & Bitumen“ veröffentlicht. Der Einsatz von Maximalrecycling soll weiterhin für Asphalttrag- und Asphaltbinderschichten auf Landesstraßen bis Belastungsklasse 10 beschränkt bleiben. Beispiele aus Baden-Württemberg zum Themenschwerpunkt „Qualitäts-Straßenbau 4.0“ wurden gegeben. Durch die digitale Vernetzung von Arbeitsprozessen (Asphaltherstellung, Transport, Einbau und Verdichtung) erreichte man eine Verbesserung der Qualität im Straßenbau. Konnte bis 31. Dezember 2017 noch nach Bodenklassen ausgeschrieben werden, ist es seit dem 1. Januar 2018 zwingend, nach Homogenbereichen auszuschreiben. Ziel ist es, eine frühere und intensivere Einbeziehung aller Fachbeteiligten und eine Berücksichtigung der gesamten Prozesskette. Die Handlungshilfe Geotechnik 2017 wurde zwischenzeitlich in Baden-Württemberg eingeführt. Als letzter Themenschwerpunkt kamen die Asphaltfundationsschichten im Heißeinbau, welche eine Verwertungsmöglichkeit für die immer größer werdenden Anteile an anstehendem Asphaltgranulat darstellen. Deren Einsatz soll bei Neu-, Aus- und Umbaumaßnahmen erfolgen. Zurzeit werden die Projektbeteiligten aus Wirtschaft und Verbänden gehört, so dass mit einer kurzfristigen Einführung gerechnet wird.

Wie Baustoffe richtig ausgeschrieben werden – darüber informierte die neue ISTE-Referentin der Fachgruppe Naturstein, Theresa Platz, die Teilnehmer. Viele Fehler lassen sich schon allein dadurch vermeiden, indem man auf dem Laufenden ist, was die Regelwerke anbelangt. Dann kommt es auf die richtige Auslegung des Regelwerkes bei der Anwendung des STLK an. „Sie müssen auf gültige Regelwerke verweisen, veraltete Begriffe vermeiden und lokale Anforderungen berücksichtigen“, machte sie deutlich. Produktneutral lautet hier das Zauberwort. Mit einem Zitat aus dem ISTE-Jahresbericht 2017: „Normen und Regelwerke müssen so gestaltet sein, dass einheitliche Spielregeln für alle Produktgruppen der Gesteinsindustrie gelten. Der Wettbewerb im Markt entscheidet dann darüber, ob runde, eckige oder gebrauchte Gesteinskörnungen zum Zuge kommen“ schloss Theresa Platz ihren Vortrag.

Neuer Baustoff, neues Verfahren
Die Reißneigung vermindert sich, Korrosion gibt es nicht, dafür ist er alkali-, UV- und temperaturbeständig. Klingt nach einem echten Tausendsassa-Produkt. Die Rede ist von Glasfaserbeton, über dessen technische und wirtschaftliche Vorteile für hochbelastete Verkehrsflächen aus Beton Siegfried Riffel (Bauberatung Infrastruktur/Verkehrswegebau in Talheim) informierte. „Er hat sich bei der Herstellung von hochbelasteten Verkehrsflächen, wie zum Beispiel bei Busverkehrsflächen und Kreisverkehren ausgezeichnet bewährt“, sagte der Experte. Seit 2004 wurden in ganz Deutschland über 100 Whitetopping-Projekte realisiert. Davon wurden seit vier Jahren 28 Whitetopping-Projekte mit Glasfaserbeton erfolgreich ausgeführt. Seit 2014 wurden in Deutschland 15 Kreisverkehre mit Glasfaserbeton hergestellt. „Weitere KV-Anlagen mit Glasfaserbeton werden dieses Jahr ausgeführt“, wusste Riffel. Kein Wunder, im Vergleich zu anderen Baustoffen ist die Schadensanfälligkeit und der Unterhaltungsaufwand wesentlich geringer und somit auch die Lebensdauer deutlich höher.

Riffel beeindruckte außerdem mit Grinding und Grooving als innovative Oberflächenbehandlungen von Betonstraßen.
Damit können Baufehler korrigiert, Lärm minimiert, Griffigkeit und Ebenheit verbessert werden. Grinding ist sogar kostengünstig, schnell und witterungsunabhängig und führt zu einer guten Fahrdynamik mit hohem Fahrkomfort. „Es ist wirklich ein Genuss über eine „gegrindete“ Fahrbahn zu fahren wie zum Beispiel auf der A5 bei Bruchsal. Da sollten Sie unbedingt einmal drüberfahren“, sagte Siegfried Riffel und berichtete von den vielen erfolgreich realisierten Forschungsprojekten. Derzeit werden Betone und Texturgeometrien optimiert, um dauerhaft hohe Lärmminderungseigenschaften auch bei Neubaustrecken herzustellen.

Neues Regelwerk, Bauordnungsrecht und Zertifizierungssystem
Über den aktuellen Stand der regelwerkskonformen Anforderungen an Gesteinskörnungen informierte Dr.-Ing. Leyla Chakar. Im historischen Abriss zeigte sie auf, wie es 1964 zur Gründung von ersten Güteschutzorganisationen kam und erläuterte das technische Regelwerk für die Bewertung der Konformität von Gesteinskörnungen im Wandel der Zeit. Derzeit ist eine zweite Neufassung der TL Gestein-StB in Vorbereitung. Sie beinhaltet die technischen Entwicklungen der letzten zehn Jahre sowie die Anpassungen an die Bauproduktenverordnung, welche seit Juli 2013 in Kraft ist. „Das Anforderungsniveau der TL Gestein-StB 04/07 bleibt unverändert“, machte die Referentin deutlich. Die überarbeitete Fassung der TL Gestein-StB basiert auf der aktuell gültigen Produktnormen. Aktuell wird geprüft, ob eine Notifizierung des Entwurfs verbunden mit einer dreimonatigen Stillhaltefrist erforderlich ist. Die überarbeitete Fassung der TL Gestein-StB Ausgabe 2004/Fassung 2018 soll ggfs. bis spätestens Ende 2018 veröffentlicht werden.

Viel Kommunikation ist noch erforderlich, wurde am Ende des Vortrags deutlich, in dem Dr.-Ing. Gerhard Scheuermann vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg (Referat 45) die Novellierung des Bauordnungsrechts und die damit einhergehenden neuen bauaufsichtlichen Konzepte darlegte. Als erstes Bundesland hat Baden-Württemberg die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen umgesetzt, welche die Bauregellisten teilweise ersetzt. Die Deklaration der Bauprodukte in Deutschland und die Verwendung der Bauprodukte auf der Baustelle wird umfassend neu geregelt. Die Planer sind aufgefordert, über Anforderungsdokumente dem Baustofflieferanten und dem Baustoffverwender Informationen zur Verfügung zu stellen.

Braucht die Baubranche ein neues Zertifizierungssystem für nachhaltig hergestellten Beton? Andreas Tuan Phan vom Bundesverband der Deutschen Transportbetonindustrie e.V. (BTB) in Berlin stellte das CSC-Zertifikat (Concrete Sustainability Council) vor, das Unternehmen eine ökologisch, sozial und wirtschaftlich verantwortungsvoll gemanagte Betonproduktion, die auch die Wertschöpfungskette berücksichtigt, bescheinigt. Je nach Zertifizierungsniveau gibt es das Label in Bronze, Silber oder Gold – . „Es ist freiwillig. Jeder kann, keiner muss“, so Phan. Das CSC-Zertifizierungssystem beruht auf einer gemeinsamen Initiative der Cement Sustainability Initiative CSI sowie Unternehmen und Verbänden der Zement- und Betonindustrie und von Zertifizierungsinstituten. „Es kommt also von der Bauindustrie und nicht von oben wie das ISO9001“, unterstrich der Referent.

Blick in die Zukunft: Drohnen & vernetzte Steinbrüche
Von der technischen Hochschule Georg Agricola in Bochum berichtete Prof. Dr.-Ing. Albert Daniels vom Wissenschaftsbereich Georessourcen und Verfahrenstechnik. Er nannte zwei übergeordnete Ziele der Gesteinsindustrie, um Wertschöpfungsketten zu optimieren: Lagerstätten vollständig nutzen und eine gleichmäßige und reproduzierbare Produktqualität. „Das A und O ist die Kenntnis der Lagerstätte“, machte Daniels deutlich. Daniels entwickelte mit seinen Studenten deshalb eine wasserfeste Drohne, die mit GPS ausgestattet ist und so den Gewässergrund scannen kann. Die dürfte vor allem für Firmen, die Kies abbauen, interessant sein, denn zehn bis 20 Prozent des Materials bleibt ungenutzt auf dem Seegrund liegen. „Das entspricht ungefähr einem Verlust von 20 bis 30 Millionen Tonnen jährlich“, so Daniels. Bisher konnte man vom Schwimmbagger aus nicht erkennen, wohin sich der Kies beim Abbau bewegt. Die Drohne könnte in Zukunft vollautomatisch um den Schwimmbagger kreisen und genaue Daten vom Untergrund liefern. Abbau also ferngesteuert und (fast) ohne menschliches Zutun.

Mit Praxisbeispielen aus dem Oberrhein verblüffte Diplom-Elektrotechniker Erhard Kerer von der Firma Rohr Bagger GmbH in Mannheim, als er neuartige, intelligente Schwimmbagger für den Kiesabbau vorstellte.